Die Geschichte vom Zweisiedlerkrebs

Meine Newsletterabonnenten durften das Märchen, das in meinem neuen Roman "Die Gezeiten von Cramond" vorkommt vorab am Freitag lesen. Die Geschichte ist mir während einer Massage eingefallen :) So ist es meistens, in den unkreativsten Momenten fallen mir plötzlich Plots und Storylines ein. So auch dieses Mal.

Plötzlich hatte ich alles vor meinem inneren Auge.

Und weil ich schon immer ein Märchen in eines meiner Bücher einbauen wollte, habe ich mir diesen Wunsch erfüllen können. Bin gespannt was meine Lektorin und Leser dazu sagen werden. Und nun taucht ihr in den Tiefen des Meeres ab.....


Und trefft einen einsamen Einsiedlerkrebs....



... und hier ist seine Geschichte...


Vor langer Zeit lebte ein Einsiedlerkrebs in der großen, Schottischen See. Er war immer ganz allein, weil Einsiedlerkrebse das nun einmal so machten und war damit zufrieden.

Er brauchte nicht mehr als sein kleines Häuschen, das er immer bei sich hatte, sowie ein bisschen Plankton und Würmer, um satt zu werden. Bei Ebbe machte er manchmal einen kurzen Spaziergang auf dem Watt und sobald Gefahr in Verzug war, zog er sich sofort in sein sicheres Häuschen zurück oder krabbelte wieder ins rettende Wasser.

Der Einsiedlerkrebs hätte noch ewig so einsam und zufrieden leben können, doch das Schicksal hatte etwas anderes für ihn vorgesehen.

Eines Tages befand er sich wieder einmal bei einem Streifzug an Land, als er sah, dass sich riesige, schwarze Wolken am Himmel zusammenbrauten.



Schon bald kam ein starker Wind auf und der Einsiedlerkrebs wäre beinahe fortgeweht worden!

Sofort suchte er wieder Schutz im Meer, doch nichts konnte den gewaltigen Sturm aufhalten, der schon bald über die Schottische See fegen sollte.

Meterhohe Wellen rollten unerbittlich an, nur um donnernd und polternd zu brechen.

Die Strömungen, die sie verursachten, waren so wild, dass der Einsiedlerkrebs keinen Halt mehr auf dem Meeresgrund fand und völlig hilflos herumgewirbelt wurde. Er war ein Spielball der Gezeiten.


Als das Wasser besonders stark aufgepeitscht wurde geschah dann das Unfassbare:

Der Einsiedlerkrebs wurde mit Wucht gegen einen Felsen geschleudert und ihm wurde sofort schwarz vor Augen.

Als er viele Stunden später wieder zu sich kam spürte er sofort, dass etwas anders war.

Voller Trauer musste er feststellen, dass sein wertvolles Häuschen in tausend Stücke zerbrochen war.

Er weinte bitterliche Tränen, versuchte die einzelnen Teile mithilfe von etwas Schleim einer Meeresschnecke zusammenzukleben, doch es war aussichtslos.

Mein Häuschen ist für immer verloren!, dachte der Einsiedlerkrebs und gab auf. Untröstlich und mit herunterhängenden Scheren zog er von dannen, um eine neue Bleibe zu finden.

Schon bald kam er an eine Höhle, die ihm ein Lächeln auf sein winziges Gesichtchen zauberte. Doch kaum hatte er sein erstes Beinchen hineingesetzt, schwamm auch schon eine gewaltige Muräne heraus und schrie: »Verschwinde! Das ist mein Zuhause!«

»Es ist doch nur, bis ich ein neues Häuschen gefunden habe! Ich bin doch ganz klein im Vergleich zu dir, ich nehme dir nicht viel Platz weg«, flehte der Einsiedlerkrebs, doch das Herz des riesigen Aals ließ sich nicht erweichen.

»Zieh Leine, sonst beiße ich dich«, fauchte sie ihn böse an.

Also blieb dem Einsiedlerkrebs nichts anderes übrig als weiter seines Weges zu gehen.

Er war schon lange Zeit gekrabbelt und weinte bitterlich, als er einen riesigen Schatten über sich sah.

»Was hast du, kleiner Einsiedlerkrebs?«, fragte ihn ein gewaltiger Riesenhai.

»Ich habe im Sturm mein Häuschen verloren und kann kein neues Zuhause finden«, antwortete er verzweifelt.

»Steig ein, ich nehme dich mit. Ich kenne einen Ort, der für dich geeignet sein könnte«, sagte der Riesenhai und öffnete sein furchterregendes Maul.

»Du denkst wohl ich bin blöd? Du willst mich doch nur überlisten und mich in deinen gefräßigen Schlund locken! Komm mir nicht näher, sonst bekommst du es mit meinen Scheren zu tun«, drohte der Einsiedlerkrebs.

»Du hast ein ganz schön wackeres Herz, kleiner Gleiderfüßer, aber du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich bin zwar riesengroß, aber völlig harmlos für dich. Ich fresse ausschließlich Plankton.«

»Das ist meine Leibspeise!«, rief der Einsiedlerkrebs begeistert und kletterte ins Maul des gewaltigen Fisches.

Er ließ große Mengen Wasser durch seine Kiemen strömen und zusammen schlugen sie sich den Bauch voll bis der Einsiedlerkrebs ganz schläfrig wurde. Satt und voller Hoffnung schlief er ein, während der Riesenhai behaglich durch die Nacht schwamm.

Irgendwann wachte der Einsiedlerkrebs wieder auf. Von weitem sah er wie sich ein wunderschönes Korallenriff unter ihnen ausbreitete.

Am Grund angekommen sagte der Riesenhai: »Wir sind da, mein kleiner Freund, Lebewohl!«

»Danke, dass du mir geholfen hast! Das werde ich dir nie vergessen«, verabschiedete sich der Einsiedlerkrebs und kraxelte aus dem Maul heraus.

So schnell ihn seine kleinen Beinchen tragen konnten, krabbelte er auf das Riff zu, bis eine Stimme panisch rief: »Halt! Stehen bleiben! Du schwebst in Lebensgefahr!«

»Aber warum denn?«, fragte der Einsiedlerkrebs am Rande der Verzweiflung.

Ein Fisch mit bizarren Farben paddelte auf ihn zu: »Es tut mir leid, aber wenn du dich den Korallen zu sehr näherst, könnten dich die Anemonen erwischen. Sie sind ganz giftig, nur wenn du einen speziellen Schleim auf den Schuppen hast, kannst du in ihnen wohnen.«

Der Einsiedlerkrebs war am Boden zerstört, bedankte sich aber trotzdem für die Warnung.

Er zog weiter und hinter einem großen Felsen sah er schon bald einen leeren Panzer im Schlick herumliegen.

»Endlich habe ich mein Zuhause gefunden!«, sagte der Einsiedlerkrebs glücklich und wollte sich schon häuslich einrichten, als zwei riesige, schwarze Augen ihn traurig ansahen.

»Ich verstehe, dass du dein Häuschen verloren hast«, sagte eine Meeresschildkröte, »aber diese knöcherne Hülle ist alles, was von meiner lieben Frau übriggeblieben ist und ich komme jeden Tag her um sie zu betrauern. Verzeih mir, aber ich muss dich bitten zu gehen.«

»Mein herzliches Beileid, ich wusste das nicht«, sagte der Einsiedlerkrebs und räumte das Feld.

Er wanderte lange Zeit umher und hatte die Hoffnung fast schon verloren, als ihn plötzlich etwas Helles blendete.

Er rieb sich den Sand von seinen winzigen Augen: »Kann das denn wirklich sein?«

Mitten auf dem Meeresgrund lag die schönste Muschel, die er je in seinem Leben gesehen hatte. Ihr Perlmutt glänzte in allen Farben des Regenbogens und zog den kleinen Einsiedlerkrebs sofort in seinen Bann.

»Das ist es jetzt! Meine lange Reise ist zu Ende!«, schrie er überglücklich und rannte so schnell los, dass er mehrmals stolperte.

Mit Müh und Not schaffte er es die Muschel anzuheben, nur um mit Schrecken festzustellen, dass sie bereits bewohnt war.

»Verschwinde, das ist mein neues Zuhause!«, sagte die Einsiedlerkrebsdame wütend.

»Aber dieses Haus ist doch viel zu schwer für dich alleine!«

»Das stimmt«, gab sie zu, »aber ich habe mein Häuschen während des Sturms verloren und ich musste die sieben Weltmeere nach einem Neuen absuchen. Ich wäre fast gefressen, gefangen, totgetrampelt und vergiftet worden. Ich gebe es nicht einfach so auf!«

»Ich möchte doch gar nicht, dass du es mir überlässt«, erklärte der kleine Einsiedlerkrebs.

»Was willst du dann?«, fragte sie verwundert.

»Dieses Haus aus Perlmutt kann niemand von uns alleine bewegen. Warum ziehen wir dann nicht zusammen ein? So könnten wir es überall hintragen, wären jederzeit in Sicherheit und könnten wieder frei umherstreife, so wie früher.«

Sie kratze sich am Kopf: »Aber das machen Einsiedlerkrebse nicht so. Einsiedlerkrebse sind immer ganz allein und sind damit zufrieden.«

»Aber warum?«

»Weil sie das eben nun einmal so machen, immer so gemacht haben und immer so machen werden«, antwortete sie lapidar.

»Gut«, sagte der kleine Einsiedlerkrebs und huschte schnell in das Häuschen, »dann sind wir zwei eben keine Einsiedlerkrebse mehr, sondern der einzige Zweisiedlerkrebs der Welt.«

»Aber…«, wollte die Einsiedlerkrebsdame einwerfen, doch plötzlich hielt sie inne.

»Was denkst du?«

»Nun ja, ich merke gerade, dass die Last des Häuschens auf meinem Rücken viel kleiner geworden ist, seitdem du da bist«, gab sie zu und hüpfte glücklich auf und ab.

»Darf ich bleiben?«, fragte er hoffnungsvoll.

Sie nickte und der Einsiedlerkrebs war zum ersten Mal in seinem Leben nicht nur zufrieden, sondern himmelhochjauchzend glücklich.

»Wohin möchtest du als erstes?«, wollte er wissen.

»Nun ja, ich mag Spaziergänge am Watt sehr gerne«, antwortete sie.

Der kleine Einsiedlerkrebs wärmte seine Beinchen auf und stemmte das Haus aus Perlmutt. Seine Mitbewohnerin machte es ihm gleich und sagte: »Dann los, nichts kann den Zweisiedlerkrebs jemals aufhalten!«

Zusammen erlebten sie viele Abenteuer und lebten glücklich und in Harmonie bis sie zu den ewigen Meeresgründen übersiedelten.


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© 2020 Esther Destratis